PREY – Review

Im Weltall hört Dich niemand schreien

Eine Raumstation voller verwinkelter Gänge, außerirdischer Lebensformen, Roboter und anderen künstlichen Intelligenzen. Dazu eine Prise Suspense und eine mysteriöse Hintergrundgeschichte – das sind die Zutaten vieler guter Sci-Fi Werke.
Nach über 40 Stunden, kann ich sagen: PREY ist da keine Ausnahme.

Good Morning Doctor Yu

 
Ein neuer Tag im Leben von Morgan Yu (wahlweise Frau oder Mann). In einer kurzen Introsection wird klar, dass wir in die Rolle eines Wissenschaftlers geschlüpft sind, der zusammen mit seinem Bruder an einem Forschungsprojekt arbeitet. An Bord der Raumstation Talos 1, die sich in einem Orbit über der Erde befindet, geht es wohl darum die Grenzen des menschlichen Gehirns auszuloten.

Doch wie es mit diesen Dingen so oft der Fall ist, ging irgendetwas gewaltig schief. Eine Alienspezies genannt Typhon hat scheinbar den Großteil der Besatzung ausgelöscht und so sehen wir uns plötzlich mit der Aufgabe konfrontiert, nicht nur herauszufinden was zum Geier hier eigentlich abgegangen ist, sondern einen Weg hinaus und zurück auf den blauen Heimatplaneten zu finden.

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Through the looking glass

 
Was sich nun entfaltet ist ein Sci-Fi Action-Thriller, der auf den Spuren von Genre-Größen wie System Shock 2 und Bioshock wandert. Zu Beginn nur mit dem berühmten Schraubstock bewaffnet, ballern wir uns im Verlauf der Story mit verschiedenen Waffen durch die verwinkelten Gänge der Talos 1. Unser bester Freund dabei: die GLOO Cannon. Die vielseitige Waffe schleudert schnellfestigende Klebemasse, mit der man nicht nur Gegner kurzzeitig in bewegungslose Skulpturen zementieren kann, sondern auch rudimentäre Treppen bauen kann wodurch sich ungeahnte Wege eröffnen.

Munition ist in den ersten Stunden nicht im Übermaß vorhanden, deshalb heißt es gut zielen und eventuell auch mal Gegnern aus dem Weg gehen – vor allem denen, die sowieso noch viel zu stark sind.

Play your way

 
Diesem Motto haben sich die Entwickler Arkane Studios bereits in ihren vorigen Werken der Dishonored-Reihe verschrieben. Und auch in PREY handelt es sich dabei zum Glück nicht bloß um leere Worte. Zum einen kann man auf der riesigen Raumstation bis zu einem gewissen Grad frei entscheiden wohin man geht, wie man das aus anderen Games auch kennt. Zum anderen kann man aber so gut wie jede Situation und Herausforderung auf verschiedene Arten bewältigen und lösen. Eine verschlossene Türe? Entweder sucht man nach einer Zugangskarte oder man klettert in einen Lüftungsschaft und findet so einen alternativen Zugang zum Raum. Ein Safe dessen Kombination man nicht kennt? Entweder hacken oder ein paar Möbel verschieben und eventuell ein Post-it mit dem Code entdecken.
Die Möglichkeiten sind wirklich vielfältig und es fühlt sich wirklich so an, als würde man sich hier seinen eigenen Weg bahnen, anstatt vom Spiel in eine Richtung gedrängt zu werden.

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Insane in the brain

 
Eine entscheidende Rolle beim Finden des eigenen Spielstils spielt dabei der obligatorische Skill Tree. Sogenannte Neuro-Mods, die verstreut auf der Raumstation zu finden sind, sind hier die Währung mit denen sich Fähigkeiten freischalten lassen. Die einzelnen Skills und Zweige sind dabei ziemlich verschieden und definieren stark, wie man fortan agieren kann. Setzt man auf Hacking, erspart man sich die Suche nach Codes, lässt dabei aber eventuell auch einiges an Items aus. Stärkt man den Schaden durch Waffen oder baut man auf Stealth-Fähigkeiten? Da man in einem Playthrough nicht genug Neuro-Mods finden kann um alles frei zu schalten, steht man hier vor wirklich schweren Entscheidungen. Zum Glück kann man beliebig viele Saveslots anlegen. Experimentieren lohnt sich hier wirklich, um den Spielstil zu finden, der einem am meisten zusagt.

Übrigens ist die Anwendung von Neuro-Mods, also das Freischalten eines Skills, sehr “schön” in Szene gesetzt und eng mit der Story des Games verbunden.

Diese wird, im Stil von Bioshock, hauptsächlich durch auffindbare Audiologs und E-Mail Konversationen erzählt, was sehr zum Feeling der Isolation beiträgt. Doch keine Sorge: man ist nicht allein! ;-)

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Close Encounters

 
Richtig zur Sache geht es in PREY, übersetzt “Beute”, immer dann wenn man auf die außerirdischen Typhon stößt, für die man genau das ist. Die unterschiedlichen Typen der Aliens unterscheiden sich zwar optisch nicht so sehr, aber im Verhalten dafür ziemlich. Die erste Gattung, mit der man es zu tun bekommt, sind die sogenannten Mimics. Diese verfügen über die nette Fähigkeit, sich in Alltags-Gegenstände jeder Art zu verwandeln. So steht man in den ersten Stunden des Spiels unter ständiger Anspannung. Wann immer man einen neuen Raum betritt, heißt es genau schauen und sich langsam voran tasten. Hat sich die Kaffeetasse da gerade bewegt? Und warum steht hier eine Trophäe mitten im Lüftungsschaft? Oft kommt es vor, dass sich eines der Dinger, wie aus dem Nichts enttarnt und einem in Facehugger Manier ins Gesicht springt – effektvoll in Szene gesetzt durch eine äußerst beunruhigende, sehr gelungene Soundkulisse, die die Anspannung noch verstärkt.
Wenigstens reicht für Mimics der Schraubstock noch als Waffe aus.

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Andere Typhon Gattungen sind dagegen weitaus größer und widerstandsfähiger und benutzen auch verschiedene Kräfte im Angriff. Kräfte derer man sich später, dank Neuro-Mods, auch selbst bemächtigen kann. Das kann jedoch dazu führen, dass die ansonsten hilfreichen Geschütztürme, einen plötzlich als außerirdischen Feind wahrnehmen, von den ungeahnten Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Hauptcharakters und den Ausgang der Story ganz zu schweigen.

Zum Glück stehen einem im Skill Tree auch menschliche Psy-Fähigkeiten wie eine Bullettime zur Verfügung, die man dringend braucht um die Geschichte lebend zu überstehen, denn manche Typhon entpuppen sich als wahre Albträume.
Außerdem hat jede Gegner-Gattung ihre eigenen Schwächen, die sich später auch per Scan erforschen lassen. Schade nur, dass bei all den vielfältigen Gameplay Möglichkeiten, sich die Aliens im Großen und Ganzen stets gleich und nach einfachen Mustern verhalten. Dadurch werden die meisten Kämpfe recht schnell unaufregend und monoton.

Als jemand, der sich selbst nicht als besonders Shooter-versiert bezeichnen würde, war ich erfreut, dass ich mit dem zunächst etwas hoch scheinenden Schwierigkeitsgrad von PREY dann doch gut zurecht gekommen bin. Sehr hilfreich dabei: die Quicksave Funktion, die die Entwickler auch der Konsolenversion verpasst haben.

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Jäger und Sammler

 
Wie von Arkane Studios gewohnt, finden sich auch an Bord der Talos 1 unzählige Gegenstände, viele davon Müll, im wahrsten Sinne des Wortes. Dennoch zahlt es sich aus, jedes einzelne Item mitzunehmen, denn an Recycling-Stationen werden aus Müll wichtige Rohstoffe gewonnen. Mit diesen lassen sich wiederum an Fabriktoren Waffen und Munition erzeugen, aber erst, wenn man die nötigen Blaupausen dafür gefunden hat.
Wer wirklich alles mitnimmt, wird leider schnell an die Grenzen der Inventargröße stoßen, in dem sich ganz Resident Evil 4-like auch die Waffen befinden. Zum Glück kann man im Skill Tree auch das Inventar vergrößern, ausreichend Neuro-Mods vorausgesetzt.

Space Man

 
Die Expedition durch die Talos 1 führt von der Lobby durch Meetingräume, über Labore, Medizinstationen, durch eine Vielzahl unterschiedlicher Schauplätze. Die gewaltige Station ist dabei in verschiedene Sektoren eingeteilt. Im Verlauf des Spiels bekommt man die Gelegenheit, direkte Verbindungen zwischen diesen Sektoren freizuschalten – und zwar in dem man sich in’s All begibt. Mit voller 360 Grad-Bewegungsfreiheit, gleitet man wie Sandra Bullock durch Zero-G und findet dabei so einige Goodies, macht aber auch weniger erfreuliche Entdeckungen.

Nicht zuletzt dank dieser Raumdocks besucht man viele Bereiche der Talos 1 im Laufe des Spiels öfter und kann (in Metroid-Manier), durch mittlerweile erworbene Fähigkeiten und Ausrüstung, neue Wege oder Gegenstände entdecken.

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Fazit

 
Als großer Fan von Sci-Fi Werken wie Alien(s), Deus Ex, Bioshock, System Shock 2 und Metroid hätte es vieles gegeben woran PREY für mich persönlich scheitern hätte können. Doch die Entwickler von Arkane Studios haben es wirklich geschafft. PREY nimmt zwar Anleihen bei diesen Größen und lässt des öfteren Erinnerungen an sie aufblitzen, hat aber seine eigene Identität und fühlt sich neu an, was nicht zuletzt der stilistischen Umsetzung zu verdanken ist. Leichte grafische Schwächen fallen dabei nicht ins Gewicht.
Darüber hinaus hält das Spiel seine wichtigsten Versprechungen: man kann sich wirklich auf verschiedenste Weise seinen Weg durch die Talos 1 bahnen und dabei so spielen, wie man es möchte.

Die riesige Raumstation beherbergt zahlreiche Geheimgänge und optionale Missionen, die einem oft mehr über die Charaktere und die fiktive Hintergrundgeschichte erzählen. Sämtliche Entscheidungen die man (besonders im Skill Tree) trifft, beeinflußen spürbar das Gameplay und den weiteren Weg durch das Spiel (wodurch durchaus auch mehrfache Playthroughs motiviert werden). Dazu ist auch die Story interessant genug um einen bei der Stange zu halten. Lediglich die Gegner und die Kämpfe fallen etwas monoton aus und können mit dem sonst starken Gamedesign nicht mithalten.

Alles in allem ist PREY für mich (auch ob des Settings) mein neuer Favorit aus dem Hause Arkane und eine klare Empfehlung an alle Genre Fans und solche die es noch werden wollen.

Entwickler Arkane Studios
Publisher Bethesda Softworks
Genre First Person Shooter, Action-Adventure
System PS4, Xbox One, PC
Uniscreen-Bewertung stars_4